Das Kreuz mit dem Kreuz

Im Interview mit Prof. Dr. Grönemeyer

Das Kreuz mit dem Kreuz: Rückenschmerzen zählen zu den Top 3 unter den Volkskrankheiten. Sie sind der Grund für ein Viertel aller Krankheitstage. Gesundheit 360° sprach mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, dem wohl bekanntesten Arzt und Rückenspezialisten Deutschlands, über die Ursachen, Therapien und Mythen rund um den Rücken.

Herr Prof. Dr. Grönemeyer, Rückenschmerzen sind weit häufiger verbreitet als man denkt. Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Ursachen?

Rückenleiden gehören zu den Top 3 unter den Volkskrankheiten und zählen seit Jahren zu den häufigsten und auch teuersten Erkrankungen. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein. Meist sind es Dinge wie fehlende Bewegung - fünfzig Prozent der Deutschen machen gar keinen Sport!
Häufig sind die Ursachen aber auch psychischer Natur: Stress, Überlastung, Anspannung oder Depressionen. Wer unter Dauerbelastung steht, zieht instinktiv die Schultern hoch. Das ist eine ganz natürliche, unbewusste Abwehrhaltung. Die kann anschließend wehtun.
Schmerzursachen können auch eingeklemmte Nerven, verschobene Bandscheiben, einseitige Belastungen oder auch Verrenkungen durch Unfälle sein. Verschleiß ist aber nur zu einem kleinen Teil für Rückenschmerzen verantwortlich. Ungefähr zehn Prozent der Rückenschmerzen sind auf die Wirbelgelenke und nur drei bis vier Prozent auf Veränderungen der Bandscheiben zurückzuführen.

Die Bedeutung ausreichender Bewegung betonen Sie immer wieder.

Ja. Langes Sitzen am Arbeitsplatz, Arbeiten in Fehlpositionen oder Übergewicht – all das kann den Rücken belasten. Mein Leitsatz deswegen: „Turne bis zur Urne!“
Etwa fünfundachtzig Prozent der Rückenschmerzen sind nicht-spezifische Schmerzen – das heißt, es gibt keinen Hinweis auf eine konkrete Erkrankung. Diese gehen glücklicherweise meist in nur wenigen Tagen von allein wieder weg. Spezifische Rückenschmerzen hingegen werden von konkret benennbaren Erkrankungen ausgelöst,
zum Beispiel durch eine Arthrose der Wirbelgelenke oder eine Einengung des Rückenmarkskanals.

Der teuflische „Hexenschuss“ macht vielen zu schaffen. Was können Betroffene tun?

Das Spezielle am Hexenschuss (Lumbago) ist, dass die Beschwerden rein lokal im Rücken auftreten. Das passiert meist ganz plötzlich nach einer falschen Bewegung oder auch bei einer alltäglichen Tätigkeit: Innerhalb von Sekunden dehnt sich eine Muskelverspannung auf den gesamten Wirbelsäulenabschnitt aus. Das ist sehr schmerzhaft, und oft können sich die Betroffenen von einem Moment auf den anderen kaum mehr bewegen. Doch so schlimm er sich auch anfühlt, in der Regel ist der Hexenschuss harmlos und erfordert  keine medizinische Therapie. Hier helfen bereits sanfte Dehnübungen, Wärme und maßvolle Bewegung. Das lockert die Muskeln und lindert den Schmerz. Regelmäßiger, sanfter Sport mit diagonalen Bewegungsabläufen kann einem Hexenschuss zudem vorbeugen.

Was ist ein typisches Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall?

Wie gesagt: Bei dem akuten plötzlich einschießenden Schmerz im Lendenwirbelbereich handelt es sich meistens um einen Hexenschuss. Das kann so weh tun, dass man sich nicht mehr aufrichten kann. Deshalb halten das viele fälschlicherweise für einen Bandscheibenvorfall. Gegen die Verspannungen und leichte Schmerzen helfen meist Wärme, Massage oder Akupunktur. Sinnvoll ist ergänzend auch Krankengymnastik. Typische Symptome des Bandscheibenvorfalls sind starke, in Arme oder Beine ausstrahlende Schmerzen.

Oft gehen diese mit  einem Taubheitsgefühl im Versorgungsgebiet der eingeklemmten Nervenwurzel einher. Dramatisch wird es, wenn auch noch Lähmungserscheinungen dazukommen. Aber es gibt auch Bandscheibenvorfälle, die jahrelang unentdeckt bleiben, weil sie keine Schmerzen verursachen.

Körper, Seele und Geist - Sie plädieren ja für eine ganzheitliche Sicht auf den Patienten und die Vernetzung der Disziplinen – vor allem bei starken chronischen Schmerzen. Warum?

Wichtig für den Arzt ist, sich den Patienten und seine Lebenssituation im Ganzen aus verschiedenen Blickwinkeln anzusehen und ihn entsprechend zu untersuchen. Schmerzpatienten sollten von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen untersucht und behandelt werden, das nennt sich „multimodale Therapie“. Patienten mit Rückenleiden sollten also nicht nur vom Orthopäden, sondern auch von Schmerztherapeuten, Neurochirurgen, Naturheilkundlern, Ergotherapeuten und Psychologen begutachtet und gegebenenfalls parallel betreut werden.

Psychologen? Die Psyche spielt also auch oft eine Rolle bei Rückenleiden?

Vollkommen richtig. Schon unsere Sprache zeigt, welche Gründe Rückenschmerzen noch haben können, Redewendungen wie „die Last auf den Schultern“, „etwas bricht uns das Kreuz“ oder „das sitzt mir im Nacken“... Rückenschmerzen haben also oft psychosomatische Gründe. Deshalb sollten wir auch überlegen, was uns belastet, bedrückt und was wir ändern können.

Der Körper reagiert auf Gefühle wie Trauer, Ängste oder Verluste: Der Körper spannt sich an und man zieht beispielsweise die Schultern zusammen – die  psychische Ursache von Muskelverspannungen. Dadurch kommt es aber auch zu Wechselwirkungen: Dauernde Rückenschmerzen können Depressionen auslösen. Umgekehrt kann gelten: depressive Menschen können leichter Rückenschmerzen bekommen.

Wie kann man nun Rückenschmerzen bereits im Vorfeld vermeiden?

Rückenschmerzen werden zu mindestens achzig Prozent durch Muskelverspannungen ausgelöst. Das kommt meistens von einer falschen Haltung oder Sitzhaltung, zum Beispiel wenn man den ganzen Tag nach unten auf den Computer schaut, anstatt auf Augenhöhe mit dem Bildschirm zu arbeiten. Zudem sitzen wir meistens – ebenfalls zu achzig  Prozent – mit rundem Rücken da und ändern auch zu selten die Sitzposition. Meine Devise: Eine Stunde Bewegung oder Sport an jedem Tag! Denn das Wichtigste ist:  Bewegung, Bewegung und nochmal Bewegung. Gerade bei Rückenschmerzen ist sie die ideale Therapie und in jedem Stadium einzusetzen: vorbeugend, aber auch begleitend
und nachsorgend.

Was aber, wenn es zur Vorbeugungschon zu spät ist? Was kann ich gegen Rückenschmerzen tun?

Weil es so schön ist, gleich nochmal: Bewegen, bewegen, bewegen! Das ist in jedem Stadium das Beste.

Wärmebehandlungen, Massagen, Akupunktur, Shiatsu, Physiotherapie oder Pilates sind ebenfalls gute Unterstützer. Wenn es schlimmer wird, können leichte Schmerzmittel eingesetzt werden, aber bitte immer nur nach Rücksprache mit dem Arzt. Dann gibt es natürlich die Mikrotherapie, bei der man mit Hilfe der Computer- und Kernspintomographie zielgenau und rein lokal behandeln kann. Besonders bei Bandscheibenproblemen können diese minimalinvasiven Therapien helfen. Grundsätzlich aber rate ich: Lauschen Sie in sich hinein, hören Sie auf Ihr Gefühl und Ihren Körper! Sie wissen selbst am besten, was Ihnen fehlt und was Ihnen gut tut. Denken Sie nicht nur an Stressausgleich, leben Sie ihn. Oder, wie ich neulich erst las: Ändere dein Leben und
lebe deine Änderung!

Für Operationen und Therapien werden Milliarden ausgegeben – und doch werden viele Patienten ihr Leiden nicht los. Warum?

In Deutschland wird viel zu schnell operiert, häufig ohne eine korrekte Diagnosestellung. Rückenschmerzen werden zu schnell den Bandscheiben zugeordnet, und wenn dann noch das radiologische Bild eine Vorwölbung zeigt… Aber hier ist glücklicherweise ein Wandel zu bemerken. Zurück zur Diagnose: klassischerweise wird eine Röntgenaufnahme gemacht, obwohl man auf dem Bild nur die knöchernen Strukturen sieht. Muskelschwund oder ein Bandscheibenvorfall – auch Nerven – werden so nicht sichtbar und auch andere Veränderungen nur dann, wenn sie den Knochen betreffen. Z.B. ein Verschleiß der Wirbelgelenke, eine Arthrose. Selbst eine akute Entzündung im Gelenk ist nicht sichtbar.
Optimale Aufnahmen liefert eine Kernspintomographie, weshalb wir dieses modernere bildgebende Schnittbildverfahren favorisieren. Und es vermeidet zugleich eine  Strahlenbelastung, die jede Röntgenaufnahme darstellt.

Welche Rolle spielt die Ernährung für einen gesunden Rücken?

Eine große! Auch unser Essverhalten müssen wir neben dem Thema Bewegung unbedingt unter die Lupe nehmen. Hier gibt es zwei Gesichtspunkte. Erstens: das Körpergewicht. Die größere Körperlast geht auf die Bandscheiben und vor allem den unteren Rücken, den Übergang zwischen Wirbelsäule und Becken. Die Belastung dort ist erheblich. Der  zweite Aspekt: Der viele Zucker und das Weißmehl in unseren Nahrungsmitteln führen zu einer Übersäuerung des Körpers. Das hat zur Folge, dass Knorpelgewebe, die Bandscheiben und die Flächen der Gelenke brüchig werden und schneller verschleißen. Um das zu vermeiden, sollten wir darauf achten, viel Frisches und Vollwertiges zu essen.

Haben Sie eine einfache, aber effektive Übung für Menschen, die viel sitzen müssen?

Für eine leichte Übung müssen Sie sich nur hinstellen: Jetzt einfach auf der Stelle treten, erst nur mit den Füßen auf- und abrollen, also die Fersen abwechselnd aufheben und absenken, und das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern. Die Arme dabei leicht anwinkeln und vor- und zurückschwingen. Dann steigern Sie das Tempo, treten Sie immer fester auf der Stelle und werden Sie schneller. Sie dürfen richtig auf der Stelle trampeln. Legen Sie alle Energie in die Bewegung, bis Sie außer Atem kommen und Ihr Herz ordentlich klopft. Das machen Sie mindestens einmal am Tag. Hilft auch gegen Stress bei der Arbeit…

Grönemeyer Institut Bochum

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